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bLickfabrik. *prInziPessin.*
Literarisch Ergossenes.

In gleißendem Kunstlicht verkündete Reue.  

“Am Firmament brilliert der Glanz ihrer Solidarität.”, sagt der japanischer Fanclub fröhlich und überlässt Erfolgsathletin Erika das Wort:
“Phyllis starb in einem gestreiften Kleid an frühkindlichen Traumatisierungen und galt zuvor als manisch depressive Autistin mit überdurchschnittlichem Intelligenzquotienten.
Ihre Beerdigung gestaltet sich unkreativer als erwartet. Als Kondolenzsymbolik verkleidet tönt elektronischer Punk aus den zur Kapelle gehörigen Verstärkern; ein kleiner Mensch legt den Mitschnitt ihres Todes ans Grab, zwischen Manie und Depression wird es in dieser hellgrauen Klimasituation mit weißem Oleander bepflanzt.
Wäre das Leben ein Produkt schematisierter Schreibverfahren säße Phyllis in diesem Zusammenhang lächelnd auf einer Wolke, mit einer Zigarette im Mundwinkel und genügend Optimismus zur Verkraftung ihres bevor stehenden Verwesungsprozesses.
Die Welt beruht nicht auf einer klar definierten Exposition. Phyllis ist tot und die Todesanzeige ihrem Erziehungsbevollmächtigten ausschließlich das Geld für vierzehn Buchstaben wert.
Ich schlage den Lokalteil auf und habe nicht den Ehrgeiz, als Frosch oder Schnitzel aufzutreten.
Ich sah ihrem Vater bei einer ausgedehnten Vergewaltigung zu und begleitete Phylliss Leid derweil auf dem Jagdhorn. Das Prinzip dieser Vergewaltigungen bediente meine sexuellen Fantasien. Apathisch erblickte er den Bananenfleck auf meiner über dem Schreibtischstuhl hängenden Strickjacke.
Sie sah mich als Identifikationsfigur und kotzte bei Gelegenheit auf das Parkett meiner minimalistisch eingerichteten Wohnsituation, um in den Arm genommen zu werden. Sie fügte sich physische Schmerzen zu und ritzte frühpubertäre Pentagramme in ihren Handrücken, um den psychischen Schmerzen einen konsensfähigeren Ausdruck zu verleihen.
Ich traf Phyllis eines Nachts auf dem Heimweg, als sie hinter einer Platane saß und ihren linken Arm verlor. Ihr Feuerzeug explodierte, als ich es ansah. Sie liebte mich von der ersten Sekunde an und erklärte mir derweil, dass dieser Moment einer aus einem Stummfilm entsprungenen Szene glich. Zwei Tiere sahen sich verliebt in die Augen und konnten sich im obligatorischen Endeffekt nicht daran erinnern, dass sie zwei Stunden kein einziges Wort miteinander gewechselt hatten. “

“Hast du sie geliebt?”

“Sie hätte einen reizenden kleinen Menschen abgegeben, der in meiner Wohnung herum sitzt und ein glückliches Familienleben darzustellen versucht, es herrscht Sommerschlussverkauf im Selbstbedienungsladen und der Filialleiter erzählt von ihrer psychosozialen Inkompetenz. Auch Gartenzwerge waren früher mal Menschen und wenn niemand hinsieht, laufen sie plötzlich hin und her. “

“Kennst du dieses Gefühl, wenn die Rippe plötzlich so runter geht und dann denkst du: Oh scheiße, jetzt will sie ne Treppe steigen?”

“Weiß nicht genau. “

“Als Phyllis starb, weinte die Welt. Zum Zeichen ihrer Trauer tragen 97 % ihrer Klassenkameraden Oberteile mit ihrem von Blumen umrankten Gesicht. Tapfer, stark und gläubig marschieren sie in Einheit und taktvoller Treue. “

“Solidarisch wachen alle im Shuttlebus der Strategie. Die uns weh tun, muss man töten, das sah so gar das Opfer ein. Phyllis sei umsonst gestorben und ohne klar definierten Hintergrund; als niedersächsische Profikillerin hatte sie auf einer skandalösen Pressekonferenz enden wollen und bis zum Suizid ausschließlich den Ruhm einer Verstorbenen geerntet. Spektakulär ist ihr Begräbnis, spektakulär war auch der Einschlag der Allianz der Regression.
Man schwor ihr lebenslange Treue, doch dass sie stirbt, wussten sie schon. “

“In gleißendem Kunstlicht verkündete Reue. “






Nach siebenundneunzig Minuten ist der Leichenschmaus vollzogen und der Fanclub reist ab. Wenn sich zwei Fleischfachverkäuferinnen in ihrer Gegenwart darüber glücklich zeigen, den kompletten Leberwurstbestand an einen einzigen Kunden verkauft zu haben, zweifelt die Autorin an Notwendigkeit und Aktualität dieses Textes. Wir trampen in die Lüneburger Heide oder stehen barfuß auf dem schmutzigen Boden einer improvisierten Tatsache herum, zerschneiden Pappkühe und fragen kurz zuvor: "Wie viel Blut soll denn heute in die Kuh?"
Wir symbolisieren damit nicht die Pubertätsproblematik in den sozialen Brennpunkten Bielefelds, obwohl ein politisch engagiertes Publikum selbige trotzdem in die Fresse gefeuert zu kriegen glaubt - die Fantasie ist irgendwie im Arsch und Erika zu deprimiert für eine realistische Analyse der deutschen Jugend. Sie leidet unter der Sterblichkeit, ihr Leben ähnelt dem klar definierten Verfaulungsprozess eines giftigen Apfels. Weil Phyllis tot ist, vermutet sie, ihre eigenen Pulsadern in absehbarer Zeit mit einer Textilschere öffnen zu müssen; beschließt jedoch kurz darauf keine Schäden von der Rhetorik des traumatisierten Mittelstands zu tragen. Voller Wissensgier überweist sie ihre Unschuld auf das Konto eines klischeehaft dargestellten Zuhälters und geht fortan total motiviert auf den Strich. Sie ist unschlagbar, befreit sich im Laufe eines anstrengenden Selbstfindungsprozess aus den Klauen dieser, ähm, Mafiascheiße da drüben und entwickelt sich zur gelernten Zahntechnikerin mit Wiedererkennungswert und Erdgeschosswohnung.
Die Selbstmordrate steigt irgendwie. Tom hat sich in Badewannenzusammenhang die Pulsadern aufgetrennt und blutet momentan aus. Sie liebt ihn und kombiniert ein improvisiertes Kondolenzgesteck mit dem ästhetischen Rot des Wassers; lehnt auf dem Badewannerand und singt eine Opernarie. Sie fängt an zu weinen, balanciert und stürzt sch in die Fluten, um ihn durch derart geballte Aggressivität wieder zum Leben zu erwecken. In hysterischem Ausrasten sieht sie die einzige Chance, seinen unspektakulären Freitod wieder rückgängig zu machen. Sie schlägt ihren Kopf an der Fliesenwand auf und sieht keinen negativen Wert mehr in Banalitäten wie Hässlichkeit oder verkochtem Rattatouiles - er katapultiert sie unvorbereitet in einen schmerzhaften Lebensabschnitt und verspricht Erika zwölf Tage nach der Beerdigung Ansichtskarten von seiner Hinrichtung schicken.
Erika tanzt die ganze Nacht und trotzdem ist sie allein. Sie spaziert gemeinsam mit dem Tomatenfleck auf ihrer Hose durch ein nächtliches Graz und trotzdem ist sie allein. Die Konsequenzen Toms plötzlichen Tods trägt sie pflichtbewusst in einer Plastiktüte zu ihrer in Verzweiflung aufgesuchten Therapeutin.
„Die Kunstfotze betrachtet sich im Spiegel und erkennt die hinreißenden Gesichtszüge eines Mädchens, das gut mit Drogenexzessen umgehen kann. Sie streitet mit ihrem toten Freund über ein zerbrochenes Herz und kennt sich nicht aus mit narrativen Erzählstrukturen, da ihr Leben weder auf einer klar definierten Exposition beruht noch in irgendeiner Weise den Anforderungen an ein konsensfähiges Drehbuch zu entsprechen scheint.“
Mit der Schwärze eines abgebrannten Streichholzes zeichnet Erika lustlos ihre Initialen an die untapezierten Wände. Sie erzählt der Therapeutin von ihrem Zweifel.
„Theoretisch hätte ich an dieser Stelle eine Unterwasserbibliothek erwartet, zeugt das bereits von Schizoprenie oder so etwas?“
Die Therapuetin hat nicht genug Hintergrundwissen, um professionell auf den Kritikpunkt ihrer Patientin reagieren zu können. Sie bewahrt die im Studium erlernte Distanz und beginnt nach zweieinhalbe Stundes der ermüdenden Konversation zu diagnostizieren.
„Sie müssen lieben, Erika.“
„Wie jetzt? Lieben?“
„Na, lieben! Lieben, begehren. Und wenn das nicht klappt, dann Akupunktur.“
„Akupunktur?“
„Gut erkannt, Erika. Akupunktur, 200€ und Sie hüpfen am morgen erholter durch die Scheiße als sie sich das träumen lassen.“

22.2.07 21:24
 


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